Digitale SouverĂ€nitĂ€t in Europa: Kontrolle zurĂŒckgewinnen, ohne die TĂŒren zuzuschlagen
Im Februar 2025 sanktionierte die US-Regierung den ChefanklĂ€ger des Internationalen Strafgerichtshofs, Karim Khan. Kurz darauf war sein dienstliches Microsoft-Konto nicht mehr erreichbar. Eine einzelne VerfĂŒgung aus Washington genĂŒgte, um einem der höchsten Justizvertreter der Welt den Zugang zu seinen eigenen E-Mails zu nehmen. Genau an diesem Punkt wird aus einem abstrakten Schlagwort eine sehr konkrete Frage: Wer entscheidet eigentlich, ob unsere Behörden, Unternehmen und Vereine morgen noch arbeiten können? Ăber digitale SouverĂ€nitĂ€t wird in Europa viel geredet. Höchste Zeit, das Thema ernst zu nehmen und dabei zwei Fehler zu vermeiden: zu wenig zu tun, oder das Falsche.
Was digitale SouverĂ€nitĂ€t wirklich heiĂt, und warum gerade jetzt
Digitale SouverĂ€nitĂ€t bedeutet nicht, dass Europa alles selbst bauen muss. Sie bedeutet, dass wir ĂŒber unsere eigene digitale Infrastruktur, unsere Daten und unsere technologischen Entscheidungen selbst bestimmen können. Heute ist davon wenig ĂŒbrig. Drei US-Konzerne, Amazon Web Services, Microsoft Azure und Google Cloud, kontrollieren zusammen mehr als 70 Prozent des europĂ€ischen Cloud-Marktes. Verwaltung, KrankenhĂ€user, Schulen und der Mittelstand laufen auf Software, deren Bedingungen anderswo festgelegt werden. Solange alles gut geht, fĂ€llt das niemandem auf. SpĂ€testens mit der zweiten Amtszeit von Donald Trump ist vielen klar geworden, wie verwundbar diese AbhĂ€ngigkeit macht. Eine Lieferkette, die jederzeit politisch gekappt werden kann, ist keine Lieferkette, sondern ein Risiko.
Die Politik hat das inzwischen verstanden, zumindest auf dem Papier. Am 18. November 2025 trafen sich auf Einladung des deutschen und des französischen Digitalministeriums ĂŒber tausend GĂ€ste zum ersten europĂ€ischen Gipfel fĂŒr digitale SouverĂ€nitĂ€t in Berlin, darunter Bundeskanzler Merz, PrĂ€sident Macron und EU-KommissionsvizeprĂ€sidentin Henna Virkkunen. Unternehmen sagten Investitionen von mehr als zwölf Milliarden Euro zu. Parallel dazu liegt mit dem EuroStack-Konzept ein Vorschlag auf dem Tisch, der ĂŒber zehn Jahre rund 300 Milliarden Euro mobilisieren und mit einem Sovereign Tech Fund starten will. Anfang Juni 2026 hat die EU-Kommission den Cloud and AI Development Act vorgelegt, der die europĂ€ische RechenzentrumskapazitĂ€t in fĂŒnf bis sieben Jahren verdreifachen soll. Ich finde diese Bewegung richtig. Skeptisch macht mich nur, dass dieselbe Kommission mit dem Digital Omnibus vom November 2025 zugleich Datenschutz und KI-Regeln aufweicht. SouverĂ€nitĂ€t entsteht nicht allein durch Geld und Rechenzentren, sondern auch durch klare Regeln, an die man sich hĂ€lt.
Der Cloud Act, oder warum âliegt in Frankfurtâ nicht reicht
Der US CLOUD Act von 2018 ist der Kern des Problems, und er wird oft unterschĂ€tzt. Das Gesetz verpflichtet US-Unternehmen, Daten auf Anordnung amerikanischer Behörden herauszugeben, und zwar unabhĂ€ngig davon, wo auf der Welt diese Daten gespeichert sind. Ein Rechenzentrum in Frankfurt oder Paris Ă€ndert daran nichts, solange der Anbieter seinen Sitz in den USA hat. Genau hier kollidiert amerikanisches mit europĂ€ischem Recht. Artikel 48 der Datenschutzgrundverordnung erkennt Herausgabeanordnungen auslĂ€ndischer Behörden nur an, wenn ein völkerrechtliches Abkommen dahintersteht. Der EU Data Act, der seit September 2025 gilt, verlangt zusĂ€tzlich technische und organisatorische MaĂnahmen gegen unrechtmĂ€Ăige Behördenzugriffe aus Drittstaaten. Ein US-Anbieter sitzt damit in einer ZwickmĂŒhle: Befolgt er die US-Anordnung, verstöĂt er gegen EU-Recht. Verweigert er sie, verstöĂt er gegen US-Recht. Dieser Widerspruch lĂ€sst sich mit keiner Vertragsklausel und keinem Werbeversprechen ĂŒber eine âEU Data Boundaryâ auflösen.
Das ist keine theoretische Sorge. Im Juni 2025 musste der Chefjustiziar von Microsoft Frankreich vor dem französischen Senat unter Eid einrĂ€umen, dass das Unternehmen nicht garantieren kann, die Daten europĂ€ischer BĂŒrgerinnen und BĂŒrger im Ernstfall nicht an US-Behörden weiterzugeben. Und der Fall Karim Khan zeigt, was passiert, wenn aus der theoretischen Möglichkeit politische RealitĂ€t wird. Microsoft-PrĂ€sident Brad Smith hat zwar betont, man habe die Dienste fĂŒr den Strafgerichtshof als Institution nie eingestellt, doch das Konto des ChefanklĂ€gers war betroffen, und Khan wich auf den Schweizer Anbieter Proton aus. Der Strafgerichtshof selbst zieht inzwischen Konsequenzen und prĂŒft den Umstieg auf die quelloffene Lösung openDesk. Die Lehre daraus ist unbequem, aber eindeutig: Der Speicherort der Daten ist nicht entscheidend, entscheidend ist, wessen Recht und wessen Politik am Ende den Schalter bedienen. Wer diesen Schalter nicht selbst in der Hand hat, ist nicht souverĂ€n, egal wie schön die Vertragsbedingungen klingen.
SouverÀnitÀt ja, digitaler Nationalismus nein
So berechtigt der Wunsch nach UnabhĂ€ngigkeit ist, so gefĂ€hrlich wĂ€re die Ăberreaktion. SouverĂ€nitĂ€t kann schnell in Abschottung kippen, und genau davor warnen nicht nur WirtschaftsverbĂ€nde wie der eco oder der BDI, sondern auch viele in der Netzpolitik. Wenn âeuropĂ€ischâ zum reinen Herkunftssiegel wird und der Staat nur noch kauft, was eine EU-Flagge trĂ€gt, dann tauschen wir eine AbhĂ€ngigkeit gegen die nĂ€chste, diesmal nur mit besserem Marketing. Ein europĂ€ischer Anbieter, der seine Kundschaft genauso einsperrt wie ein amerikanischer, macht uns kein StĂŒck freier. Und ein Internet, das in nationale oder kontinentale Blöcke zerfĂ€llt, ein sogenanntes Splinternet, wĂŒrde am Ende genau die offene, vernetzte Welt zerstören, von der Europa wirtschaftlich und kulturell lebt. Autarkie ist kein Sicherheitsversprechen, sondern oft ein teurer Weg in mittelmĂ€Ăige Technik und höhere Preise.
SouverĂ€nitĂ€t heiĂt fĂŒr mich deshalb etwas anderes als Selbstversorgung: Es geht um die FĂ€higkeit zu wĂ€hlen. Um offene Standards, um InteroperabilitĂ€t, um das Recht, einen Anbieter jederzeit zu wechseln, ohne dabei alle Daten zu verlieren. Um die Diversifizierung von Lieferketten und um starke Partnerschaften mit anderen Demokratien, statt um Misstrauen gegen alles AuslĂ€ndische. Als ĂŒberzeugter EuropĂ€er und in meiner Arbeit bei Volt sehe ich das europĂ€ische Projekt gerade nicht als Festung, sondern als gemeinsamen Rahmen, der uns nach innen stark und nach auĂen handlungsfĂ€hig macht. Wir sollten die besten Werkzeuge der Welt nutzen dĂŒrfen, aber unter unseren Regeln und auf unserer Infrastruktur betrieben. Das ist der feine, aber entscheidende Unterschied zwischen einer souverĂ€nen und einer nationalistischen Digitalpolitik. Die erste schafft Optionen, die zweite nimmt sie weg.
Open Source ist der SchlĂŒssel, auch wenn er aus den USA kommt
Wenn das Ziel Kontrolle bei gleichzeitiger Offenheit ist, dann fĂŒhrt kaum ein Weg an Open Source vorbei. Quelloffene Software lĂ€sst sich einsehen, prĂŒfen, anpassen und auf eigener Infrastruktur betreiben. Niemand kann den Code heimlich verĂ€ndern, niemand kann ihn dir per Fernzugriff entziehen. Die Lizenz, ob GPL oder Apache, garantiert diese Freiheiten dauerhaft und unwiderruflich, und genau das ist der Punkt, an dem sich Open Source vom Mietmodell der groĂen Cloud-Anbieter unterscheidet: Es gibt keinen Kill-Switch. Schleswig-Holstein macht gerade vor, dass das funktioniert. Das Land hat bis Ende 2025 rund 80 Prozent seiner ArbeitsplĂ€tze auf LibreOffice umgestellt, etwa 44.000 PostfĂ€cher von Exchange weg migriert und nach eigenen Angaben ĂŒber 15 Millionen Euro an Lizenzkosten gespart. Auf Bundesebene treibt das Zentrum fĂŒr Digitale SouverĂ€nitĂ€t, kurz ZenDiS, mit openDesk einen souverĂ€nen Arbeitsplatz voran, der Anfang 2026 bereits in mehreren tausend Lizenzen produktiv im Einsatz war.
Jetzt kommt der Teil, der manche stört, der mir aber wichtig ist: Es ist völlig in Ordnung, wenn diese Software aus den USA stammt. Linux, Kubernetes, PostgreSQL und unzĂ€hlige andere tragende Bausteine wurden maĂgeblich von amerikanischen Entwicklern und Organisationen geprĂ€gt. Das mindert ihren Wert fĂŒr unsere SouverĂ€nitĂ€t kein bisschen, denn die Herkunft des Quellcodes ist nicht das, worauf es ankommt. Entscheidend ist, dass wir die Software selbst betreiben, prĂŒfen und im Zweifel abspalten können, das sogenannte Recht auf den Fork. Wer den Code hat, ist niemandem ausgeliefert. Ein US-Konzern kann mir das Recht, Linux auf europĂ€ischen Servern laufen zu lassen, schlicht nicht wegnehmen. Die einzige echte AbhĂ€ngigkeit, die bleibt, liegt in der Pflege und Steuerung dieser Projekte, denn viele zentrale Maintainer werden von amerikanischen Firmen bezahlt. Die richtige Antwort darauf ist aber nicht Verzicht, sondern Mitverantwortung: Europa sollte kritische Open-Source-Projekte selbst mitfinanzieren und mitentwickeln, so wie es die deutsche Sovereign Tech Agency bereits tut. Gute Werkzeuge abzulehnen, nur weil sie den falschen Pass haben, wĂ€re genau der digitale Nationalismus, der uns nicht weiterbringt. SouverĂ€n ist, wer das Beste nutzt und trotzdem die Kontrolle behĂ€lt.
â Sebastian Speetzen